Hugh Jackman als Wolverine in Logan - The Wolverine

FILMKRITIK: LOGAN – THE WOLVERINE

Eins, Zwei, Logan kommt vorbei…

Schnetzel, schnetzel, schlitz, Blut, schnetzel. Warum Logan – The Wolverine brutaler ist als ein Albtraum in der berüchtigten Elm Street? Das lest ihr hier.

Was wurde über Logan – The Wolverine nicht schon alles gesagt? Hugh Jackmans letzter Auftritt in seiner Paraderolle als marodierender Mutant, den er bereits im ersten X-Men-Film von 2000 verkörperte. Ich könnte wohl eine ganze wissenschaftliche Arbeit über den Einfluss des Langzeitsuperhelden und seines kongenialen Kollegen Patrick Stewart als Professor X auf die Popkultur schreiben. Wie sie gemeinsam das Superhelden-Kino der frühen 2000er prägten und das Fundament legten für ein Genre, das nun regelmäßig die Kinokassen sprengt.

Ich könnte wunderbar anhand dieser Metaebene entlang hangeln, erklären, warum Logan – The Wolverine ein ebenso wunderbarer, wie tragischer Abgesang auf eine der prägnantesten Leinwandfiguren unserer Zeit ist. Ja es sogar schafft, den großen Hugh Jackman gebührend zu verabschieden. Doch Wolverine hat keine Zeit für Sentimentalität. Das dominierende Element von Logan ist rohe Gewalt, die dominierende Gefühlsregung ist Schmerz. Davon soll auch meine Kritik handeln.

AAARRRGGHHH! Logan ist brutal!

„Endlich“, möchte ich im prall gefüllten Kinosaal verkünden, als der Abspann von Logan – The Wolverine die Leinwand entlang klettert. „Endlich ein Superhelden-Film, der sich traut, die Fesseln des Mainstreams zu sprengen, sich nicht den blinden Massen vor die Füße wirft und sie mit Humor und Happy End in die kurzweilige Glückseligkeit wiegt. Nein, Logan scheut sich nicht davor, seinen eigenen Weg zu gehen. Ein gewalttätiger Weg, zugegeben, ein schmerzhafter Weg, ohne Frage. Doch ein ebenso befriedigender Weg. Regisseur James Mangold, wo du auch bist auf Erden, geheiligt werde dein Name.“

Dafne Keen als Mutantin X-23 in Logan - The Wolverine
Dafne Keen als Mutantin X-23 in Logan – The Wolverine

Wäre ich ein wenig fanatischer, hätte ich nach dem Kinobesuch tatsächlich eine neue Religion ausrufen können, so intensiv war mein erster Eindruck nach dem neuesten Teil der X-Men-Reihe. Ich hatte nicht viel erwartet, hatten mich doch die vorherigen Wolverine-Filme recht enttäuscht zurückgelassen. Wieso bin ich also vom Abschluss der Hugh Jackman-Ära so angetan? Ein Film ist doch nicht besser, nur weil Körperteile durch die Luft fliegen, oder etwa doch? Normalerweise würde ich diese Unterstellung mit blankem Entsetzen von mir weisen. Doch in diesem speziellen Fall muss ich zugeben: Ja, ohne abgetrennte Gliedmaßen wäre Logan – The Wolverine eine recht langweilige Affäre.

Warum Logan – The Wolverine brutal sein muss

Die X-Men-Filme hatten schon immer einen etwas ernsteren Ton als das von Disney weichgespülte Marvel Cinematic Universe, in dem die Avengers in fröhlich-heiteren Abenteuern seit Jahren für lauwarme Sommerunterhaltung sorgen. Nun ist gegen eine Prise Sonnenschein nichts einzuwenden, der fühlt sich gut an auf der Haut und entspannt. Doch manch einer könnte sich dabei langweilen, seinen Urlaub immer nur am selben Strand zu verbringen und Party zu machen. Ab und zu darf es auch mal ein Abenteuer sein und wenn Guardians of the Galaxy 2 das Mallorca der diesjährigen Superhelden-Saison ist, dann ist Logan – The Wolverine das Death Valley. Trocken, anstrengend, humorlos und damit endlich ein Film der Wolverines wahrem Charakter entspricht.

Logans Superkräfte sind die besten Voraussetzungen für ein Leben voller Schmerz. Seine Regenerationsfähigkeiten machen ihn fast unsterblich. So kommt es, dass er im Laufe seines mehrere Jahrhunderte langen Lebens immer wieder fatale Verletzungen erlitt, die normale Menschen zweifellos getötet hätten. Der physische Schmerz ist aber gar nicht das, was dem Mutanten am meisten zusetzt. Die Tatsache, dass er allen, die er liebt, beim Altern und Sterben zusehen muss, während er selbst vom Tod verschont bleibt, lässt auch unseren abgebrühten Antihelden nicht kalt. So gibt sich Logan sein Leben lang als emotionsloser Einzelgänger, hat Angst davor, soziale Bindungen einzugehen, und sammelt Frust und Zorn an. Um diese überwältigenden Gefühle zu entladen, hilft ihm seine zweite Superkraft, die ausfahrbaren und mit Adamantium verstärkten Klauen, mit denen er seine Feinde martialisch zerfetzt.

Auch Patrick Stewarts Professor X steckt voller Schmerz – seelisch wie körperlich.

Wolverine ist wie eine Hochspannungsleitung, durch die durchgehend Schmerz strömt, und wer sich ihr nähert, bekommt selbst eine meist tödliche Dosis. In dieser Konsequenz präsentiert uns bisher nur James Mangold die Essenz des von Hugh Jackman porträtierten Mutanten.

Logans Erlösung

Logan – The Wolverine holt in Sachen Brutalität all das nach, was die Vorgänger vermissen ließen. Die Hauptfigur und deren Fähigkeiten lechzen förmlich danach, sich im Splatter zu ergötzen. Die Gewalt dient aber nicht nur dem Selbstzweck, sondern auch als Multiplikator des seelischen Leids, welches der Protagonist seid unzähligen Abenteuern mit sich herumschleppt. Es bleibt keine Zeit für Seelenfrieden. Die wenigen Ströme der Harmonie münden immer wieder in einem blutigen Meer aus schmerzerfüllten Schreien und abgetrennten Körperteilen. Selten ist ein Film so von Schmerz durchtränkt und dieses peinigende Gefühl ist es auch, was wir als Zuschauer über fast die gesamte Laufzeit spüren.

Wir fühlen die Leiden eines Protagonisten, dessen Regenerationskräfte sich schleichend dem Ende neigen. Fühlen das blanke Entsetzen der namenlosen Statisten, wenn Logans Klingen deren Gedärme penetrieren. Fühlen die Hoffnungslosigkeit einer Welt, in der Mutanten und Menschen einst in friedlicher Koexistenz lebten und die nun am Rande des Abgrunds steht.

Es ist kaum zu glauben, dass James Mangold am Ende noch die Kurve kriegt und uns mit einem friedlichen und hoffnungsfrohen Gefühl aus den Kinos entlässt. All diese Sequenzen des Terrors hatten tatsächlich einen Sinn, führten zu einem bestimmten Ziel. Die alten Griechen nannten es Katharsis, die Läuterung der Seele. Sie funktioniert allerdings nur, wenn wir uns in psychologische Abgründe begeben und das Übel bei der Wurzel packen. Logan – The Wolverine ist eine schmerzhafte Prozedur, die sicher nicht jeder verkraftet. Doch erst der Gang durch ein schier endloses Martyrium, lässt den Silberstreifen am Horizont im vollen Glanz erstrahlen.

Bilder: Logan – The Wolverine © Twentieth Century Fox



Oscar-Chancen:

Logan – The Wolverine ist wohl zu brutal und zu sehr Superhelden-Film, um ernsthaft für die großen Kategorien in Betracht zu kommen. Noch viel schwerer wiegt aber der frühe Release-Termin. Wäre der Film Ende des Jahres herausgekommen, würde ich ihm durchaus Außenseiter-Chancen in den großen Kategorien einräumen. Zumindest Nominierungen für Hugh Jackman als Bester Hauptdarsteller und Patrick Stewart als Bester Nebendarsteller wären drin gewesen. Nun wird Hugh Jackman wohl eher für Greatest Showman nominiert und wer erinnert sich Ende des Jahres noch an Patrick Stewart? Leider, denke ich, wird dieser großartige Film leer ausgehen. Einzig und allein in der Kategorie „Make-up und Frisuren“ sehe ich eine realistische Chance auf eine Nominierung, für den Sieg wird es aber auch da nicht reichen.

Was haltet ihr von Logan – The Wolverine? Denkt ihr, der Film wird bei den Oscars präsent sein?

=> Infos & Handlung zu Logan – The Wolverine

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