Weißhelm Khaled in Die letzten Männer von Aleppo

FILMKRITIK: DIE LETZTEN MÄNNER VON ALEPPO

Sisyphus in Syrien

Die letzten Männer von Aleppo kämpfen in der verwüsteten Nahost-Metropole um jedes einzelne Menschenleben. Lest hier, was die Männer antreibt und welche Lektion wir von ihnen lernen können.

Krieg ist schrecklich. Das braucht mir nun wirklich niemand mehr zu erzählen. Doch was bedeutet das in der Praxis? Das zeigen uns Khaled und Mahmoud, die letzten Männer von Aleppo. Naja, sie sind nicht die allerletzten Männer von Aleppo. Da gibt es noch andere, aber so viele sind das wirklich nicht mehr. Ich meine, da regnet es regelmäßig Bomben. Wer will da überhaupt noch leben? Von wollen kann auch keine Rede sein. Khaled und Mahmoud gehören dem Syrischen Zivilschutz an, umgangssprachlich Weißhelme genannt. Während andere vor den Bomben fliehen, fahren sie immer genau dorthin, wo es einschlägt. Menschen aus den Trümmern zu bergen, das ist ihre Aufgabe. „Ein Leben zu retten, heißt die Menschheit zu retten“, das ist ihr Motto.

Wer sind die letzten Männer von Aleppo?

Der syrische Filmemacher Feras Fayyad hat die beiden freiwilligen Helfer acht Monate lang begleitet. Sein Kameramann blieb sogar fast drei Jahre in Syrien, um zusätzliches Material zu sammeln. Hauptprotagonist von Die letzten Männer von Aleppo ist Khaled, der damalige Anführer der Weißhelme. Die Kamera folgt dem kräftigen Syrer bei seinen Einsätzen, ist aber auch bei intimen Momenten mit der Familie dabei. Immer wieder springt der Film zu einem zweiten Erzählstrang, dem von Mahmoud, einem weiteren Weißhelm. Seine Eltern denken, er wäre aus Syrien geflohen und in Sicherheit, doch in Wirklichkeit setzt er fast täglich sein Leben aufs Spiel, um den Schaden in Aleppo zu begrenzen. Khaleds Geschichte hat auf mich einen etwas stärkeren Eindruck hinterlassen, doch inhaltlich gibt es nicht viel Unterschied. Trümmer, Tränen und Tote sehen wir bei beiden Erzählungen zur Genüge.

Weißhelm Mahmoud mit verdrecktem Gesicht
Das Bergen von Leichen ist für Weißhelm Mahmoud Alltag

Bevor ich mich detailliert zum Film äußere, muss ich an dieser Stelle noch eine kleine Anmerkung einschieben: Nachdem ich Die letzten Männer von Aleppo gesehen hatte, stieß ich auf einige Meldungen, die den Weißhelmen diverse Gräueltaten unterstellt haben. Von geheimen Verbindungen zum IS bis hin zur Tötung eines Kindes waren da schlimme Gerüchte im Umlauf. Ich wollte mich versichern, dass an den Vorwürfen nichts dran ist und sah mir deswegen die Argumente der Gegner und die der Verteidiger der Weißhelme an. Nach meiner Recherche bin ich zu der Überzeugung angelangt, dass es sich bei den Gerüchten um eine gezielte Desinformationskampagne der russischen und syrischen Regierungen handelt, die beide ein aus ihrer Sicht verständliches Interesse daran haben, die Weißhelme zu diskreditieren.

Kannste dir nich‘ ausdenken

Angenommen Die letzten Männer von Aleppo wäre ein Propaganda-Film. Dann hätten die „Schauspieler“ Khaled und Mahmoud ebenso einen Oscar verdient wie das Drehbuch. Kein Autor würde sich diese Szenen jemals ausdenken und selbst wenn, würde er sie aufgrund ihrer surrealen Natur vermutlich wieder verwerfen. Ja, Die letzten Männer von Aleppo zeigt unter anderem auch sehr krasses Leid. Wir sehen wie verzweifelte Mütter in Agonie verfallen, wenn die Weißhelme die toten Körper ihrer Kinder aus den Trümmern bergen. Wir sehen aber auch Momente, die eigentlich viel zu absurd sind, um inszeniert zu sein. Zum Beispiel, wenn Mahmoud direkt nach einer solchen Szene meint, er müsse jetzt nach Hause und sich für eine Hochzeit schick machen. Oder wenn Khaled nach einem traumatischen Einsatz plötzlich seine Kollegen auffordert, mit ihm Fußball zu spielen, sich mit einer Kippe im Mund ins Tor stellt und lässig ein paar Schüsse abwehrt.

Weißhelm Khaled mit seiner Familie
Die wenigen ruhigen Momente verbringt Khaled mit seinen Kindern

Khaled ist insgesamt eine sehr spannende, weil zwiespältige, Persönlichkeit. Innerlich hat er jede Hoffnung schon längst verloren. Er möchte am liebsten raus aus Syrien, irgendwohin, wo es sicher ist. Doch er bringt es einfach nicht übers Herz. Khaled hängt zu sehr an seiner Heimat, vergleicht sich selbst sogar mit einem Fisch im Wasser, der außerhalb seines Teiches niemals überleben könnte. Dass der Teich langsam aber sicher austrocknet, weiß er jedoch selbst. Als Zuschauer sehen wir den Familienvater bei seinen intimsten Momenten, fühlen mit ihm und erleben, wie er selbst immer wieder an sich zweifelt. Die letzten Männer von Aleppo ist eine emotionale Dokumentation, die relativ wenige Sachinfos, aber dafür umso mehr Erkenntnisse liefert. Die Hintergründe des Syrienkonflikts erklärt uns der Film so gut wie gar nicht, doch er zeigt uns, was der Krieg für die Menschen in Aleppo bedeutet.

Jedes Leben zählt

Wie eingangs erwähnt, wusste ich schon vorher, dass Krieg schrecklich ist. Doch nachdem ich Die letzten Männer von Aleppo gesehen habe, möchte ich noch ein paar Adjektive hinzuzufügen. Krieg ist zermürbend, dreckig, trostlos und stellenweise überraschend absurd. Trotzdem schaffen es Menschen wie Khaled und Mahmoud, sich Tag für Tag aufzuraffen und sich für Andere in Gefahr zu begeben. Es erinnert teils dramatisch an Sisyphus, der für alle Ewigkeit einen Stein bergauf schleppen muss, welcher aber kurz vor dem Ziel stets wieder hinunterkullert. Immer und immer sehen wir die gleichen Szenen: Bomben fallen, die Weißhelme rücken an, Tote sowie Überlebende werden aus den Trümmern gezogen, letztere teilweise in einem schockierenderen Zustand als erstere.

Ich habe mich beim Film immer wieder bei der Frage ertappt: Was nützt es denn, die Trümmer beiseite zu räumen, wenn das nächste Bombardement die gerade geretteten Menschen erneut unter sich begräbt. Doch so darf man, glaube ich, nicht denken. Ein Leben zu retten bedeutet nicht nur, einer totgeglaubten Person eine zweite Chance zu geben, es geht auch ums Prinzip. Die Kriegstreiber haben mit Bomben und Giftgas eindrucksvoll demonstriert, wie wenig ihnen Menschenleben bedeuten. Khaled, Mahmoud und die anderen Weißhelme geben den Menschen ihre Würde zurück. Mit ihrem unermüdlichen Einsatz zeigen sie uns, das jedes Leben wertvoll ist. Ein Leben zu retten, heißt die Menschheit zu retten. Das ist ihr Motto.

Bilder: Die letzten Männer von Aleppo © Rise and Shine Cinema


Oscar-Chancen:

Die Kategorie Bester Dokumentarfilm ist nur schwer einzuschätzen. Im Vergleich zu den Hauptkategorien gibt es nur wenig Oscarbuzz um bestimmte Filme. Dazu kommt, dass es gerade durch Streaming-Dienste immer mehr hochqualitative Dokumentationen gibt. Das Bewerberfeld um eine Nominierung ist also sehr groß und nur wenige Filme stechen wirklich hervor. Die letzten Männer von Aleppo wurde zwar beim Sundance Film Festival als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet, doch die Konkurrenz bei den Oscars ist etwas größer. Gerade was den Syrien-Konflikt angeht, gibt es mit Cries from Syria und Krieg und Terror – In der Hölle Syriens mindestens zwei starke Mitbewerber auf eine Nominerung. Einen Sieg für Die letzten Männer von Aleppo halte ich für unwahrscheinlich, da der Oscar für den Besten Dokumentar-Kurzfilm 2017 an Die Weißhelme ging, einen thematisch sehr ähnlichen Film. Die Mitglieder der Academy könnten das Thema also als „abgehakt“ betrachten.

Was haltet ihr von Die letzten Männer von Aleppo?

=> Infos & Handlung zu Die letzten Männer von Aleppo

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