Oscadamus erklärt: So wird ein Film zum Oscar-Gewinner

So wird ein Film zum Oscar-Gewinner – Oscadamus erklärt

Die Gewinner der Oscars vorhersagen? Geht das überhaupt? Ich möchte es zumindest versuchen und euch 13 Faktoren zeigen, die einen Film zum Oscar-Gewinner machen.

Als Oscadamus habe ich es mir zum Ziel gesetzt, die Nominierungen und Gewinner der Oscars so gut es geht vorherzusagen. Keine leichte Aufgabe, bei der ich sicherlich nicht immer zu 100 Prozent richtig liegen werde. Dennoch betreibe ich kein bloßes Ratespiel. Es gibt nämlich so einige Faktoren, die dabei helfen, den Favoritenkreis einzuschränken. Zunächst kommen natürlich nur Filme in Frage, welche die formalen Vorausetzungen für eine Oscar-Nominierung erfüllen. Außerdem ist wichtig zu wissen, wie das Wahlsystem bei den Oscars funktioniert. Im Grunde ist es aber ganz einfach. Einen Oscar gewinnt der, für den die meisten wahlberechtigten Academy-Mitglieder ihre Stimme abgeben. Wenn wir also vorhersagen wollen, wer die begehrten Preise abräumt, müssen wir uns in die Schauspieler, Produzenten, Regisseure und all die anderen Filmschaffenden hineinversetzen und uns die Frage stellen: „Welchem Film geben sie ihre Stimme?“

Eine einfache Frage, die jedoch nur selten eindeutig zu beantworten ist. Um der Antwort so nahe wie möglich zu kommen, helfen einige Faktoren, die ich bei meinen Vorhersagen anwende. Nicht in allen Kategorien sind alle der folgenden Punkte gleich bedeutend. Um diesen Artikel nicht unnötig komplex zu machen, konzentriere ich mich daher auf den Hauptpreis für den Besten Film.

Diese 13 Faktoren machen einen Film zum Oscar-Gewinner

Faktor 1: Filmfestivals

Der inoffizielle Startschuss zur Oscar-Saison fällt Ende August/Anfang September. Dann starten nämlich die Filmfestspiele von Venedig, gefolgt von dem Telluride Film Festival und dem Toronto International Film Festival. Die letzten fünf Oscar-Gewinner hatten alle ihre Premiere in einem dieser drei Spielorte. Hier eine kurze Übersicht:

Moonlight, 2016: Telluride
Spotlight, 2015: Venedig
Birdman, 2014: Venedig
12 Years a Slave, 2013: Toronto
Argo, 2012: Telluride

Im September und damit gut ein halbes Jahr vor der Oscar-Verleihung lassen sich hier schon erste Schlüsse ziehen. Shape of Water gewann den Goldenen Löwen in Venedig und wurde deshalb schon früh als Oscar-Favorit gehandelt. Ebenso wie Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, welcher den Publikumspreis in Toronto einheimste. Vor den drei genannten Festivals passiert nur wenig, was bei den Oscars relevant ist. Höchstens die Filmfestspiele von Cannes, die Mitte Mai stattfinden, bringen hin und wieder Oscar-Gewinner zuvor, wie The Artist im Jahr 2011.

Faktor 2: Kritikerbewertungen

Hier muss ich nicht viel dazu sagen. Natürlich ist die Qualität eines Films entscheidend für den Erfolg bei den Oscars. Objektiv lässt sich diese zwar nicht messen, aber Kritikerspiegel wie Rotten Tomatoes und Metacritic geben einen recht genauen Einblick, wie gut der Film bei der Fachpresse ankommt. Bewusst oder unbewusst beeinflussen diese Meinungen auch die Oscar-Wähler. Bei kleineren Kategorien wie Bestes Make-up und beste Frisuren ist es hingegen zweitrangig, wie gut der Film als Gesamtwerk ist.

Faktor 3: Kommerzieller Erfolg

Wer den Oscar als Bester Film gewinnen will, muss nicht unbedingt Box-Office-Rekorde brechen. Es schadet allerdings nicht, wenn es in den Kinokassen ordentlich klingelt. Ein Film wie Get Out profitiert davon, dass er nicht nur bei den Kritikern gut ankam, sondern auch zu den kommerziell erfolgreichsten Filmen des Jahres zählt. Blade Runner 2049 findet in der Diskussion um den Hauptpreis hingegen kaum statt, wohl auch weil der Sci-Fi-Thriller aus finanzieller Sicht gefloppt ist. Schade, aber verständlich. Schließlich geht der Oscar für den Besten Film an die Produzenten. Denen einen Preis für einen Produktion zu geben, die mehrere Millionen Dollar Verlust gemacht hat, wäre schon etwas paradox.

Faktor 4: Politische und gesellschaftliche Relevanz

Filme stehen immer in Wechselwirkung zum politischen und gesellschaftlichen Kontext, in dem sie stattfinden. Hätte Moonlight den Oscar 2017 gewonnen, wenn es #OscarsSoWhite nicht gegeben hätte? Wir wissen es nicht, doch geschadet hat es dem Film ganz sicher nicht. Ähnlich wie damals hat auch dieses Jahr ein Hashtag in Hollywood für Furore gesorgt. #MeToo ist ein Zeichen gegen sexuelle Gewalt und Sexismus im Allgemeinen. Während Frauen bei den Oscars historisch gesehen eher schlechte Karten haben, könnte sich das im Jahr 2018 ändern.

Ein weiterer politischer Faktor, der dieses Jahr zum tragen kommt, ist die Präsidentschaft Donald Trumps. Das Land scheint gespalten wie nie zuvor und einige Filme könnten von dieser Stimmung profitieren. Zum Beispiel Die Verlegerin, welcher die Wichtigkeit von investigativen Journalismus betont und damit ein Zeichen für die Pressefreiheit setzt. Gesellschaftliche Stimmungen sind ein nicht zu vernachlässigender Faktor, aber auch schwer einzuschätzen.

Faktor 5: PR-Kampagnen

Wer glaubt, dass Filme allein durch ihre herausragende Qualität den Weg zu den Oscars finden, der irrt sich. Gute Filme gibt es viele, weshalb die PR-Abteilungen der Filmverleiher ordentlich die Werbetrommel rühren müssen, um aus der breiten Masse hervorzustechen. Vieles von dem, was hinter den Kulissen geschieht, bleibt uns verborgen. Anzeigen, die für die Berücksichtigung eines Films in bestimmten Kategorien werben, gibt es auf US-amerikanischen Internetseiten jedoch zuhauf.

Als Außenstehender lässt sich nur schwer beurteilen, wer hier die Nase vorne hat. Meine Taktik ist es hier auf die Historie der einzelnen Filmverleiher zu schauen. Netflix ist zum Besipiel neu im Oscar-Geschäft und muss erst lernen, wie man einen Film wie Mudbound zum Erfolg führt. Fox Searchlight stellt hingegen drei der letzten zehn Oscar-Gewinner und weiß genau wie das Geschäft läuft. Deren Filme Shape of Water und Three Billboards Outside Ebbing, Missouri haben somit einen klaren Vorteil.

Faktor 6: Kritikerpreise

Dieser Faktor ist die logische Fortführung der Kritikerbewertungen. Hervorzuheben sind hier der National Board of Review Award, die Preise der Los Angeles und New York Film Critics, die Critics‘ Choice Awards und die Top Ten des American Film Institutes. Klar hat die Fachpresse einen etwas anderen Geschmack als die Mitglieder der Academy, dennoch haben Filme, die von den Kritikern keine Auszeichnungen erhalten, bei den Oscars schlechte Karten.

Eine Sonderstellung haben die Golden Globes. Als größtes jährliches Ereignis Hollywoods neben den Oscars bieten sie für alle Kandidaten eine Bühne, um sich zu präsentieren. Die Verleihung findet nur wenige Tage vor Abgabe der Stimmzettel für die Oscar-Nomimierungen statt. Wer bei den Golden Globes eine gute Figur macht und bestenfalls eine herzergreifende Rede schwingt, kann seine Oscar-Chancen drastisch erhöhen.

Faktor 7: Gildenpreise + BAFTA

Dieser Faktor ist wohl der wichtigste überhaupt. Nichts verrät so viel über den Geschmack der Academy, als die Preise der verschiedenen Gilden. Zur Erklärung: Die Academy besteht aus unterschiedlichen Zweigen. Die Regisseure stimmen für den Regie-Oscar, die Autoren für die Drehbuch-Oscars und so weiter. Für fast jedes dieser Filmhandwerke gibt es einzelne Gilden, die ebenfalls Preise verleihen und teilweise aus den gleichen Mitgliedern bestehen. Bevor ein Kameramann also seine Kandidaten für den Oscar abgibt, hat er diese schon der American Society of Cinematographers (ACS) mitgeteilt. Die verleiht wiederum eigene Awards und gibt ihre Nominierungen vor denen der Academy bekannt. Kleine Abweichungen sind zwar immer möglich, doch im Normallfall sind circa vier von fünf Nominierungen identisch.

Da der Beste Film von allen Academy-Mitgliedern gewählt wird und nicht nur von den Produzenten, ist es hier nicht ganz so einfach. Hier sind vor allem die Screen Actors Guild Awards (SAG), die Producers Guild Awards (PGA), und die Directors Guild Awards (DGA) entscheidend. Nicht zu vergessen sind die britischen BAFTA-Awards, welche auf ähnliche Weise wie die Oscars die besten Filme des Jahres ehren. BAFTA besteht ebenfalls zum Teil aus Academy-Mitgliedern und gibt somit einen ungefähren Einblick in deren Vorlieben.

Faktor 8: Skandalfreiheit

Das erklärt sich fast von selbst. Personen, die zur Zeit der Abstimmung in einen Skandal verwickelt sind, haben geringere Chancen auf eine Nominierung/einen Sieg. Selbst wenn Kevin Spacey nicht aus Alles Geld der Welt entfernt worden wäre und die Leistung seines Lebens abgeliefert hätte, hätte ihn die Academy aufgrund der Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs nie eine Chance gegeben. Auch gegen James Franco wurden kurz nach den Golden Globes Vorwürfe laut. Ob diese allerdings rechtzeitig kamen, um sich auf den Nominierungsprozess auszuwirken, ist schwer zu sagen.

Faktor 9: Diversität

In den meisten Fällen sind Oscar-Gewinner weiß und männlich. Woran das genau liegt, darüber wird heftig debattiert. Die einen sagen, die Academy sei rassistisch und sexistisch, weil sie eben zum größten Teil aus weißen Männern besteht. Andere wiederum behaupten, dass es schlicht mehr weiße Männer gäbe, die im Filmgeschäft oscarwürdige Leistungen abliefern. Egal, woran es liegt, es ist nun mal Fakt, dass in der 89-jährigen Geschichte der Oscars erst vier Afroamerikaner den Preis als Bester Hauptdarsteller gewonnen haben. Auch die Tatsache, dass noch nie eine Kamerafrau für einen Oscar nominiert war, lässt sich nicht so einfach ignorieren. Für unsere Vorhersagen bedeutet das, dass wir mit überwiegend weißen Männern rechnen müssen.

Allerdings deutet einiges darauf hin, dass sich dieser Umstand in nächster Zeit ändern wird. Die Hashtags #OscarsSoWhite und #MeToo haben für ein Umdenken in Hollywood gesorgt. In den letzten zwei Jahren lud die Academy verstärkt Frauen und ethnische Minderheiten ein, um die Diversität zu erhöhen. Das könnte sehr konkrete Folgen haben. Zum Beispiel für Kamerafrau Rachel Morrison, die für ihre Arbeit an Mudbound viel Lob erfuhr. Sie könnte die erste Frau werden, die je für einen Oscar in der Kategorie Beste Kamera nominiert wird.

Faktor 10: Die Schauspieler

Den größten Teil der Academy machen die Schauspieler aus. Bei der Wahl zum Besten Film bevorzugen diese natürlich Filme, welche mit großartigen Darstellern glänzen. Ein Dunkirk kann auf noch so vielen Ebenen überzeugen. Wegen dem Mangel an eindringlichen Schauspielleistungen wird er viele Stimmen verlieren.

Faktor 11: Das Wahlsystem

Hier gibt es einen Unterschied zwischen dem Besten Film und allen anderen Kategorien. Wie bereits bei meinem Artikel über das Wahlsystem bei den Oscars erklärt, ermittelt die Academy den Gewinner des Hauptpreises durch Instant-Runoff-Voting. Filme, die bei allen gut ankommen, haben deshalb mehr Chancen, als Filme, die polarisieren. Das erklärt zum Beispiel auch, warum 2016 der sehr unspektakuläre Spotlight zum Besten Film gekürt wurde, während die deutlich gewagteren Werke The Revenant und The Big Short leer ausgingen. Spotlight war zwar in keinem Aspekt wirklich herausragend, bot aber auch keinerlei Angriffsfläche.

Faktor 12: Sympathie

Oscar-Wähler sind auch nur Menschen. Wenn sie jemanden sympathisch finden, werden sie eher für diese Person stimmen, als für jemanden, den sie nicht mögen. Gerade, da es unter den Academy-Mitgliedern auch viele freundschaftliche Beziehungen gibt, wäre es naiv zu glauben, es würde nur um professionelles Filmhandwerk gehen.

Faktor 13: Wiedergutmachung

All diese vorangegangen Faktoren spielen nur noch eine untergeordnete Rolle, wenn es eine besondere Geschichte zwischen den Oscars und einem Nominierten gibt. Wenn die ganze Welt jahrelang nach einem Oscar für Leonardo DiCaprio schreit, dann bekommt er ihn auch irgendwann. Dann spielt es auch keine Rolle mehr, ob er ihn für seine beste Performance bekommt oder dafür, dass er seit Jahren auf hohen Niveau schauspielert und nun die Zeit reif dafür ist.

Dieses Jahr könnte es für Kameramann Roger Deakins endlich so weit sein. Seine Arbeit an Blade Runner 2049 ist für sich alleine stehend schon beeindruckend. Doch die Tatsache, dass er bislang schon 13 Mal nominiert war und trotzdem noch nie gewonnen hat, könnte ihm zusätzliche Stimmen einbringen.

Faktor X: Unbekannt

Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick in die Welt der Oscar-Vorhersagen verschaffen. Natürlich ist es selbst unter Berücksichtigung dieser Faktoren sehr schwer, zielsichere Prognosen abzugeben. Was letztenendes in den Köpfen jedes einzelnen Wählers vorgeht, bleibt schließlich ein Mysterium. Ich möchte mich darüber aber nicht beschweren. Ohne die ein oder andere Überraschung wären die Oscars nämlich nur halb so spannend. Oder was meint ihr?

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.